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Vermittler zwischen Mensch und Produkt

Die Bilder auf dem Computermonitor spiegeln das Seelenleben eines ganz normalen Schreibtischtäters wider. Papierberge stapeln sich, dazwischen lächelt die Freundin aus einem Bilderrahmen, ein Becher versucht die Stifte zusammenzuhalten. Momentaufnahmen, die dem Designer Konstantin Grcic Aufschluss darüber geben sollen, was Menschen an ihren Arbeitsplätzen noch fehlt.

«Stationery», zu deutsch Schreibwaren, heißt der neueste Auftrag des Designers aus München. «Mir geht es beim Design um die Schnittstelle Mensch-Produkt. Ich will wissen, was da genau passiert», sagt Grcic. Noch habe er keine genaue Idee, welche Form das Projekt annehmen wird. Sein Design sei eben «ein Denkprozess». In Grcic' Denkfabrik in der Münchner City stapelt sich daher auf einem großen hölzernen Rollschrank Geschirr, mal bereits bemalt, gebrannt und glasiert, mal noch nackt und roh. Bis Februar nächsten Jahres soll daraus eine Serie für Thomas-Porzellan aus dem bayrischen Selb entstehen. «Ich finde es wichtig, dass Dinge, die noch nicht oder gerade fertig sind, ständig um mich herum präsent sind. So kann ich immer prüfen, ob sie mir gefallen.»
Aus dem Pappmodell an der Wand soll beispielsweise eine Dunstabzugshaube für das Unternehmen Gaggenau aus dem gleichnamigen Ort in Baden-Württemberg werden. Weiter hinten zwischen coolen Regalen und Arbeitstischen aus Metall stehen die Prototypen kleiner Beistelltischchen und mittendrin ein Chaos Chair der Firma ClassiCon aus München, eine Art Mix aus Sessel und Stuhl, mit dem Grcic im vergangenen Jahr auf der Kölner Möbelmesse für Aufsehen sorgte. Bilderrahmen in Buche gibt es auch.

Für sein Privatleben schätzt er mehr die Arbeiten von Kollegen, die des Franzosen Philippe Starck beispielsweise, den er für genial hält. Wie zum Beweis holt er aus einem Glas am Fensterbrett dessen berühmte Fliegenklatsche hervor und stellt sie vor sich auf den Tisch. Das sei Poesie, eine kleine Skulptur, sagt Grcic. Starck mache eben nicht nur Design für Designkenner, sondern sei auch kommerziell erfolgreich, «Er macht einfache Dinge begehrlich.» Auch Jasper Morrison gehört zu seinen Vorbildern. Der Engländer war einer seiner Dozenten auf dem Royal College of Art in London. Morrison habe sein Interesse auf das Industriedesign gelenkt, weg von der Produktion edler Einzelteile in Manufakturen, hin zum Massenprodukt.

Grcic, 1965 in München geboren und in Wuppertal aufgewachsen, wollte eigentlich Schreiner werden. Bei einem Möbelrestaurator fing er an. Dort fand er es zwar «schrecklich langweilig», habe aber gelernt, wie man «Dinge zerlegt und wieder zusammensetzt.» An der John Makepeace School for Craftsmen in Dorset in England lernte er zum Handwerk die Gestaltung. «Da sind ein paar Puzzlesteine an ihren Platz gefallen, und ich habe verstanden, was mir Spaß macht», sagt er. Fortan widmete er sich dem Design, egal ob mit der Kreissäge in der Schreinerei oder mit der Spritzgussmaschine in Taiwan gefertigt.

Grcics erste Arbeiten als fertiger Designer 1990 hießen «Tam Tam» und «Tom Tom», zwei kleine Beistelltische für die britische Firma SCP, nach der rein virtuellen und hypothetischen Umsetzung an der Uni sei dies eine wunderbare Erfahrung gewesen, sagt er, «Es war so unkompliziert. Design hat was mit Nutzen und einem Nutzer zu tun.» Die Standbeine habe er aus zwei Bauklötzen zusammengesetzt, die zueinander höhenverstellbar sind. In den Mitteln und der Anmutung waren die Tische sehr reduziert, «weil ich das Gefühl hatte, die Firma ist so klein und hat keine Technologie und kein Geld. Die Einfachheit entsprang einer Notlösung», erläutert er. Wenn er Dinge entwerfe, dann nicht aus der Idee des Minimalismus heraus, sondern aus dem bewussten Umgang mit den begrenzten Ressourcen.

Danach verlief seine Karriere geradezu senkrecht: 1991 machte er sich in München selbstständig. Auf SCP folgten der italienische Möbelhersteller Cappellini und die Lampenfirma Flos. Grcics Entwürfe für das Unternehmen Authentics aus Gütersloh wie der Korb «2-Hands» oder der Eimer «H2O» sind Paradebeispiele eines minimalistischen und trotzdem menschelnden Designs. Möbel für ClassiCon, Gläser für den finnischen Hersteller Iittala, eine Mikrowelle für Whirlpool, Grcics Kundenliste reicht heute einmal rund um den Erdball. Der eigene Anspruch sei ihm dabei immer noch wichtiger als der ganz große kommerzielle Erfolg, «Als ich Design entdeckt habe, war das ein Glücksmoment für mich, und ich versuche, diesen Moment immer wieder zu erleben.»

Das setzt eine sehr persönliche und engagierte Zusammenarbeit mit seinem Auftraggeber voraus, beidseitiges Verständnis und einen Dialog, der ihn immer wieder herausfordert und ihm auch Grenzen setzt. «Firmen, die zu allem bereit sind, was das Etikett Design trägt, schrecken mich eher ab», sagt Grcic. Design berge immer auch ein gewisses Risiko, dass beide Partner teilen müssten, das Resultat sei immer ungewiss. Er wolle die Dinge im täglichen Leben aufspüren, denen er noch eine bessere Form geben kann, sagt er. Ein Blick auf die Schreibtischbilder in seinem PC zeigt eine Art Wickelkommode mit Internetanschluss, den Arbeitsplatz einer allein erziehenden Mutter. Als nächstes folgt vielleicht eine Maus mit eingebauter Babyrassel.